Chaim Zhitlowsky: Philosoph, Sozialrevolutionär und Theoretiker 
einer säkularen nationaljüdischen Identität

Kay Schweigmann-Greve

Chaim Zhitlowsky: Philosoph, Sozialrevolutionär und Theoretiker einer säkularen nationaljüdischen Identität

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Chaim Zhitlowsky (1865–1943) erlebte den gewaltigen Modernisierungsschub des jüdischen Lebens in Osteuropa ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts: Geboren in einem chassidisch-orthodoxen Elternhaus, assimilierte er sich an die revolutionäre russische Jugend, wird russischer Sozialrevolutionär und begründet eine säkulare, nationaljüdischen Identität. Er erwirbt im Exil (deutschsprachige) universitäre Bildung und verbringt nach dem Scheitern der russischen Revolution 1905 ff. die zweite Hälfte seines Lebens als Journalist und Publizist in New York.

Während seines Aufenthaltes in der Schweiz versuchte er als Theoretiker im Umfeld Eduard Bernsteins bereits um 1900, die Sozialdemokratie von ihrem dogmatischen Marxismus zu lösen. Unter Wiederaufnahme von Argumenten F.A. Langes und Vorwegnahme popperscher Argumente argumentiert er gegen den »wissenschaftlichen« und den historischen Materialismus. Indem die Dialektik den Satz vom Widerspruch aufheben will, immunisiere sie sich gegen rationale Kritik. Geschichte sei kein rein ökonomisch determinierter historischer Prozesses, sondern ergebnisoffenen. Hierzu passt seine sozialrevolutionäre Betonung der wichtigen Rolle der Intellektuellen, die als privilegierte Individuen eine besondere moralische Verpflichtung zu sozialem und politischem Engagement trifft.

Seine eigene philosophische Position geht von einem mit Kant und dem homo-mensura-Satz des Protagoras argumentierenden radikalen Subjektivismus aus. Wie Hermann Cohen legt er bei den Voraussetzungen menschlicher Erkenntnis die Betonung auf die konstruierende subjektive Leistung des menschlichen Bewusstseins. Er postuliert eine Relation von drei »Sphären« menschlichen geistigen Lebens, die je eigenen Paradigmen folgten: die Wissenschaft der Empirie, die Philosophie der Eigengesetzlichkeit des rationalen Denkens sowie Religion als individuell sinnstiftende kulturelle Leistung.

1910 erscheint seine Philosophiegeschichte, als einzige in jiddischer Sprache je verfasste. Hierfür leistet er als Linguist terminologische Pionierarbeit. Die Philosophie wird von Zhitlowsky als eigenständiger »Kulturzweig« aufgefasst, angetrieben vom »philosophischen Bedürfnis« des Menschen. Eine überhistorisch »wahre« Philosophie kann es nicht geben, unter sich wandelnden historischen Bedingungen formulieren die Menschen ihre philosophische Interpretation der Welt stets neu.

Sein kulturpolitisches und nationales Bestreben versuchte, die traditionelle religiöse jüdische Lebenspraxis in säkulare Volkstradition zu transformieren und religiöse Texte zu poetisieren und so in eine moderne Nationalliteratur zu überführen. Dies sollte säkularen Intellektuellen ermöglichen, eine jüdische Identität zu entwickeln, ohne in ein naives traditionelles Religionsverständnis zurückfallen zu müssen. Sein Vorgehen knüpfte an die deutsche Romantik, an Herder und Heine, an. Seine Vorstellung von der modernen jüdischen Nation unterschied sich von nichtjüdischen Konzepten durch das Fehlen einer territorialen geographischen Festlegung. Innerjüdisch nahm sie eine Mittelstellung zwischen dem territorialistischen Zionismus und dem Konzept personaler kultureller Autonomie ein. Sein Verständnis von Judentum, dass sich primär durch eine moderne Sprache und Literatur sowie eine nur noch poetische Wertschätzung der Texte der eigenen religiösen Tradition definiert, stellt einen großen Schritt in Richtung der »imagined community« Andersons dar.

Eine erneute philosophische und historische Beschäftigung mit Chaim Zhitlowsky beleuchtet eine bis zur Schoah weit verbreitete Option jüdischer Identität, sein Konzept einer nicht primär territorial definierten Kulturnation, hat zum Identitätsdiskurs der europäischen Nationen noch etwas beizutragen. Auch seine anspruchsvolle Kritik des Marxismus und das Beharren auf einem wertorientierten Sozialismus, das an die Handlungs- und Überzeugungskraft seiner Anhänger appelliert, bleibt aktuell. Seine originellen philosophischen Ansätze verdienen als eigenständiges Phänomen im Umfeld des Neukantianismus Betrachtung, gleiches gilt für sein säkulares Konzept von Judentum.

»Kay Schweigmann-Greve nähert sich [Chaim Zhitlowskys] Leben und Denken an und legt mit seiner schön bebilderten Studie die erste umfassende Biographie über Zhitlowsky vor. […] Nach einem einführenden Abschnitt zum zeitgeschichtlichen Hintergrund durchleuchtet der Verfasser seinen Protagonisten in sieben Kapiteln äußerst differenziert.«



»Dem Autor ist eine flüssig lesbare Studie über einen Theoretiker und Publizisten an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gelungen.«



»Zhitlowskys Biographie liest sich wie ein Ritt durch die jüdische Intellektuellengeschichte zwischen Ost- und Westeuropa sowie den USA an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.«

Rebekka Denk, PaRDeS 19/2013

»Kay Schweigmann-Greve hat Chaim Zhitlowsky (1865-1943), den zu seinen Lebzeiten so einflussreichen und bedeutenden und seither vor allem im deutschen Sprachraum so vergessenen Theoretiker einer säkularen jüdischen Identität […] wieder ins Bewusstsein der intellektuellen Öffentlichkeit gehoben.«



»Die Studie […] ist eine exzellente Einführung in das Werk und das politische Leben und Engagement Zhitlowskys, der eine 10-bändige Werkausgabe und eine dreibändige jiddische Autobiographie hinterließ.«

Evelyn Adunka, DAVID, Jüdische Kulturzeitschrift, Nr. 98, September 2013

Es ist »gelungen […], wichtige Geschehnisse und Zäsuren in Leben und Werk von Chaim Zhitlowsky […], die viel zu lange vergessen oder totgeschwiegen worden sind, freizulegen.«

Wladislaw Hedeler, Berliner Debatte Initial, 24/2013

»[e]ine breit angelegte Dissertation […] über den vielfarbigen geistigen Lebensweg und die eindrucksvolle Persönlichkeit Chaim Zhitlowskys […, eine] äußerst interessante[] Forschungsarbeit«

Lebensfragen, jiddische Zeitschrift, Juli-September 2012

»Die Studie über Zhitlowsky ist als Lektüre zu empfehlen.«

Arno Klönne, Jüdische Zeitung, Dezember 2012
  • ISBN: 978-3-86525-268-5
  • 27 Abb.
  • 472 Seiten
  • Hardcover
  • Am 28.06.2012 erschienen
  • Deutsch
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