Schreibende Frauen wurden und werden in der Tradierung oft vergessen – nicht zufällig, sondern als Effekt jener Kanonbildungsprozesse, die seit dem 19. Jahrhundert die literarischen und kulturellen Wissensbestände strukturieren. Trotz langjähriger Forschung, die Texte aus der Feder von Frauen seit vielen Jahrhunderten belegt, bleibt ihre Integration in den Mainstream der jeweiligen Fachdisziplinen genauso wie das kulturelle Gedächtnis weitgehend aus. Mehr noch: Gegenwärtig ist geradezu eine Rekonsolidierung eines durch männliche Autorschaft determinierten Kernkanons zu beobachten. Der vorliegende Band fragt nach Wirkmechanismen dieses beständigen Vergessens und Wiedererinnerns – nach archivarischen Praktiken, Stabilisierungs- und Ausschlussprozessen, die schreibende Frauen immer wieder an die Peripherie drängen, und nach den Strategien, dem entgegenzuwirken.
Die im Band versammelten interdisziplinären Fallstudien spannen einen weiten Bogen über die europäischen Literaturen: von weiblicher Andachtspraxis, politischer Dichtung und botanischer Gelehrsamkeit im 16. und 17. Jahrhundert über Aufklärungsfeminismus und Kanonverhandlungen des 19. Jahrhunderts bis hin zu Marginalisierungsprozessen in der literarischen Moderne. Die (vermeintlich) periphere Position von Autorinnen wird dabei nicht als historische Gegebenheit verstanden, sondern als diskursive Konstruktion, die auf Machtverhältnisse innerhalb literaturhistoriographischer Prozesse verweist. Sie dient zugleich als Ausgangspunkt, schreibende Frauen als impulsgebende Innovatorinnen zu konzipieren, die vielfach Oppositionen von Zentrum und Peripherie produktiv unterlaufen und neu verhandeln.