Otto Heinrich Freiherr von Gemmingen (1755–1836) war Mitbegründer des Mannheimer Nationaltheaters, an dem 1782 Schillers Räuber uraufgeführt wurden. Schon zu Beginn von Dalbergs Intendanz legte er seine Mannheimer Dramaturgie (1778/79) vor, in der »Naturwahrheit und Natureinfachheit […] als oberster ästhetischer Grundsatz« ausgerufen wird. Dieses Prinzip setzt er in seinem Familiendrama Der teutsche Hausvater (1780) mustergültig um. Gemmingens empathischer Familienvater lässt die Mesalliance zwischen Adel und Bürgertum zu, während sie in Schillers Kabale und Liebe (1784) tragisch scheitert. Graf Wodmar ermahnt seinen Sohn dazu im Zeichen der »Rechtschaffenheit«: »dein Stand hebt die Verbindlichkeiten des ehrlichen Mannes nicht auf«, der Grafensohn soll die geliebte Malertochter heiraten, die ein Kind von ihm erwartet. Den jüngeren Sohn bewahrt er durch Zahlung von Spielschulden vor der Schande, und die Scheidung seiner Tochter von ihrem eitlen Hofmann verhindert er durch die Bande des gemeinsamen Kindes. Mit diesem redlichen und vernünftigen Hausvater, der auch Bauern vor korrupten Amtmännern schützt, begründet v. Gemmingen ein neues Modell des Familiendramas, das Diderots Le Père de famille (1758) adaptiert. Es wird zur Folie für Kabale und Liebe, später auch für Julius von Sodens Die teutsche Haus-Mutter (1797) oder August von Kotzebues Die deutsche Hausfrau (1813).
Alexander Košenina
Alexander Košenina, Prof. Dr., wechselte 2008 von einem germanistischen Lehrstuhl in Bristol an die Leibniz Universität Hannover. Er vertritt die deutsche Literatur des 17.–19. Jahrhunderts, beschäftigt sich u.a. mit medizinischen und juristischen Fallgeschichten seit der Frühen Neuzeit und interessiert sich für Wechselwirkungen zwischen Malerei und Literatur. Zahlreiche Bücher, Aufsätze, Feuilletons und Editionen zur Literatur des 17. bis 21. Jahrhunderts.