Wenn eine Gefahr nicht sinnlich erfassbar ist, entsteht eine riskante Lücke zwischen gesellschaftlichem Wissen und Handeln. Dieser Sammelband, entstanden im Kontext des Sonderforschungsbereichs 1369 »Vigilanzkulturen« sowie des Geisteswissenschaftlichen Kollegs der Studienstiftung des deutschen Volkes, analysiert das Phänomen der ›stillen Gefahr‹ als Phänomen historischer Bedrohungsgrammatiken. Die Beiträge gehen der Frage nach, wie literarische Texte dort einspringen, wo Instrumente des gesellschaftlichen Gefahrensinns an ihre Grenzen stoßen.
Anhand prägnanter Fallstudien wird aufgezeigt, wie Literatur auf entsprechende Krisen ihrer jeweiligen Zeit reagiert. So inszeniert Friedrich Schiller in der Spätaufklärung die Intrige als ›Schwarzkunst‹, die sich die mangelnde Wachsamkeit des Opfers gegenüber seinem eigenen Inneren zunutze macht. Heinrich Heine bearbeitet wiederum die Pariser Cholera-Epidemie von 1832 im Gestus eines Kriegsberichterstatters, um das Verhältnis von Krankheit, politischem Misstrauen und historischem Bewusstsein neu zu vermessen. Die technisierten Bedrohungen des 20. Jahrhunderts fordern die literarische Darstellung schließlich auf neue Weise heraus: Während Walter Benjamin und Dora Sophie Kellner die in mehrfacher Hinsicht schlechte Wahrnehmbarkeit eines drohenden Gaskriegs analysieren, reflektiert Christa Wolf angesichts der unsichtbaren Strahlung nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl die Grenzen der Sprache selbst.
Der vorliegende Band eröffnet in einem historischen Längsschnitt schlaglichtartige Reflexionsräume, um die stille Wirksamkeit verborgener Bedrohungen zu verstehen. Das Buch richtet sich an Fachwissenschaftler:innen sowie an alle, die sich für die mediale Verarbeitung stiller Gefahren interessieren.