Nach dem Tod von Fanny Hensel, geb. Mendelssohn Bartholdy, am 14. Mai 1847 brach deren kleine Familie auseinander. Ihr Mann, der Maler Wilhelm Hensel verlor weitgehend seinen inneren Halt und damit auch ebenso weitgehend seine künstlerische Schaffenskraft und für den siebzehnjährigen Sohn Sebastian war es ein weiterer tiefgreifender Schlag, als auch wenig später in gleicher Weise unerwartet und plötzlich wie seine Mutter deren Bruder, sein Onkel Felix Mendelssohn Bartholdy starb. Die Schwester von Fanny und Felix, Rebecka Lejeune Dirichlet, erkannte schnell, wie es um ihren Neffen Sebastian stand und nahm sich seiner in liebevoller Weise an, sie wurde, wie Sebastian es selbst ausdrückte: »mir fast Mutter«.
Etwa ein Jahr nach dem Tod von Fanny Hensel verließ ihr Sohn Berlin, um an mehreren Orten eine Ausbildung zum Landwirt zu absolvieren; 1856 erwarb er ein Landgut in Ostpreußen und gründete dort eine eigene Familie. In den elf Jahren von 1847 bis zu ihrem Tod Anfang Dezember 1858 korrespondierte Rebecka Lejeune Dirichlet intensiv mit ihrem Neffen. Die 189 Briefe haben sich in der Staatsbibliothek zu Berlin erhalten und werden hier erstmals geschlossen veröffentlicht. Die Beschreibung familiärer Ereignisse finden sich in ihnen ebenso, wie zahllose Anmerkungen zum Zeitgeschehen, das bestimmt war durch die Ereignisse der März-Revolution und ihre Folgen, durch die deutsch-dänischen Auseinandersetzungen und durch den Krimkrieg. Rebecka führte einen eigenen Salon und hatte Kontakt mit zahllosen Persönlichkeiten des öffentlichen, künstlerischen, politischen und wissenschaftlichen Lebens. Joseph Joachim, Clara Schumann und Johannes Brahms waren ebenso ihre Gäste und Gesprächspartner wie unter anderen die Ehepaare Julius und Marie Pinder oder Gottfried und Johanna Kinkel, die revolutionäre Ideen vertraten. Von all diesen Begegnungen berichtete Rebecka ihrem Neffen ebenso, wie von ihrer umfassenden Lektüre zeitgenössischer Schriftsteller und ihren musikalischen Aktivitäten, auch wenn sie wusste: »… wir füttern die Leute mit Brosamen unsrer alten Herrlichkeit.«